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::: 09. December 2008

 :: Memories of Felagund (2) 

Von Janos Nibor (Lenwë Eledhwen), übertragen von Nose Mann, bebildert von Roko Johin

Kapitel 2 – Gebris und Moira

20. Januar 1907: Kleine Menschen hatten schon immer ihre Probleme, in der Welt zu bestehen, gesehen und beachtet zu werden. Bei zu klein geratenen Elfen wird das nicht anders gewesen sein. Gebris ginge dem modernen Menschen des 19. Jahrhundert kaum bis zum Bauchnabel, folglich auch reichte er dem damaligen Durchschnittselfen kaum über die Körpermitte hinaus. So erklärt sich auch seine problematische Partnerwahl. Obwohl nicht unansehnlich und durchaus von starker Statur, waren alle Elfinnen, die er näher kannte, fast um das Doppelte größer als er. Eine derartige Liaison kam natürlich niemals in Frage! Wenn man also trotz beschränkter Auswahl Erfolg haben wollte, musste man sich etwas einfallen lassen. Und so ersann er einen kühnen Plan, um endlich „seine“ Frau zu finden.

Jedes Jahr zu Beginn der Sommerzeit feierten die Einwohner von Eladore, der Hauptstadt des Elfenreiches, ein riesiges, ausgelassenes Fest. Eingeleitet wurde das mit dem »Filure«, einer auf sehr alten Überlieferungen basierenden Prozession, die man mit »Vereinigung, Zusammenführung« frei übersetzen könnte. So versammelten sich alle unverheirateten Frauen der Stadt auf dem südlichen Platz, die ledigen Männer auf dem nördlichen. Mit einem Hornsignal, welches genau Mittags aus dem höchsten Turm der Burg erklang, rannten beide Menschenmassen wie von der Tarantel gestochen in Richtung Zentrum, durch die engen Gassen und breiten Straßen, ein wogendes Meer aus Körpern, welches sich letztendlich in zwei riesigen Wellen auf dem Burgplatz vereinigte. Dort musste alles ganz schnell gehen, nur ein, zwei Herzschläge hatte man Zeit, ein Weibchen oder Männchen aus der stürmenden Masse heraus zu suchen, festzuhalten und am besten nicht mehr loszulassen. Überlegen, abwägen oder gar vergleichen war so völlig ausgeschlossen. Und weil spontane Entscheidungen meistens die besten sind, galten Partnerschaften, die auf diese Weise entstanden, als unzertrennlich.

Natürlich nahm Gebris jedes Jahr daran teil und natürlich mit bescheidenem Erfolg. Doch kurz vor seinem 40. Geburtstag drehte er den Spieß um. Am Liamus-Tor, durch das die Frauen mussten bevor sie auf den Burgplatz strömen konnten, postierte er zwei seiner acht Brüder, einer links, einer rechts. In deren Händen ein festes Seil, welches sie genau zu dem Zeitpunkt auf Brusthöhe spannten, als die wogende Masse Elfenfrauen das Tor passieren wollte. So hatten natürlich diejenigen unter Ihnen einen großen Vorteil, die aufrecht unter dem Seil hindurch stürmen konnten, und somit genau Gebris’ Körperhöhe aufwiesen.

An diesem Tag hatte er sich schon früh an die Spitze der Männerwelle gekämpft, ein einsamer aber energischer, kleiner Tropfen, für ein paar Augenblicke mutterseelenallein auf dem riesigen Platz, bis von der Südseite sieben genau so kleine Elfenfrauen auf ihn zu rannten. Sein erster Blick fiel auf Moira, und weil er wusste, dass er keine Zeit zum überlegen hatte, griff er zu, stürzte sich fast auf sie und erklärte sie zu seinem Hoheitsgebiet. Als sich das Frauenknäuel am Liamus-Tor endlich auflöste, lagen sich Gebris und Moira schon lachend in den Armen, und knapp zwei Wochen danach bestiegen sie zusammen das Schiff nach Felagund, um gemeinsam ein neues Leben zu beginnen.

Doch ihr Glück war nicht von Dauer. Gebris, der sich über die Jahre immer mehr in seine Bücher verkroch, auf der Suche nach der Wahrheit über den mystischen Grid, vergaß immer öfter, was sie sich bei Ihrer Ankunft hier geschworen hatten, und bei der rauschenden Hochzeit im Hof des Tempels. Moira ihrerseits, immerhin 12 Jahre jünger als er, traf sich bald heimlich mit Amroth, dem stillen, geheimnisvollen jungen Mann, der im Haus des Lichts wohnte. So manch mondblaue Nacht durchträumten sie gemeinsam, fest umschlungen auf der kleinen Bank am Ang Col-Felsen. Gebris merkte davon nichts, ging in seiner Arbeit auf, bis die Welt um ihn ein grauer Schleier wurde, der sich erst am Morgen wieder legte.
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So ging es weiter bis zu jener Nacht. Der Sommer neigte sich bereits dem Ende entgegen, hatte dem Herbst schon Pinsel und Palette in die Hand gedrückt, um Felagunds Bäume in gelbbraunes Gold zu verwandeln. Wieder war Moira aus dem Erdhaus geschlichen, auf dem Weg zu ihrem Liebsten, auf dem sie den schmalen Felsgrat passieren musste, die beide Inselhälften verband. Schon fast in Sichtweite von Amroths Haus hielt sie inne, glaubte ein Geräusch gehört zu haben. Der junge Elf erwartete sie bereits am Fluss vor seinem Haus, konnte die kleine, engelsgleiche Gestalt auf der Klippe sehen, kurz nur. Denn plötzlich, wie aus dem Nichts, schob sich ein riesiger, behaarter Spinnenkörper zwischen sie. Das Biest musste am Klippenhang gewartet haben! Obwohl Amroth sofort seinen Speer griff und wild schreiend auf die Bestie zulief, war es zu spät. Die Spinne sprang Moira an, blitzschnell wie ihre kleinen Artgenossen, und grub die Giftzähne in ihrem weißen, makellosen Hals. Als Amroth endlich die Stelle erreichte, war das Tier schon mit seiner Beute den Abhang herab geklettert, drohte in die Nacht zu verschwinden. Verzweifelt warf er seinen Speer hinab, traf sogar den hinteren Teil des Spinnenkörpers, doch das achtbeinige Untier entkam ihm. Verletzt und mit unheimlichem Wehklagen, welches schaurig über die ganze Insel hallte, zerrte das Ungeheuer sein betäubtes Opfer unter Wasser, wohin ihm kein Elf folgen konnte, irgendwo dort muss sein Versteck gewesen sein.

Auch Gebris, aus seiner Trance erwacht durch die Schreie, lief auf die Klippe auf Amroth zu. Doch es war zu spät, Moira war für immer verschwunden, ohne dass er überhaupt bemerkt hatte, dass sie fort gegangen war. Und so saßen noch bis lang in den Morgen hinein zwei Männer auf den kalten Felsen, beweinten ein und dieselbe Frau, und ihre Liebe zu Ihr.

Gewiss, es ist eine traurige Geschichte, aber auch traurige Geschichten müssen erzählt werden. Gebris gab seine Studien auf und starb nur wenige Jahre später. Amroth aber - nun - zu ihm kommen wir noch. Was die Spinne betrifft, so glaubt mir: jedes Wort ist wahr, welches die alten Geschichten erzählen. Überzeugt euch selbst, denn im nächsten Kapitel geht es genau um sie, Anja.

Quelle: {quelle}  |  von Case am frühen Nachmittag  0x Senf , 475x besichtigt |   aus: Geschichten aus Finis Terrae   |   Permalink  | Liebe Redaktion...



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