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::: 29. December 2008

 :: Memories of Felagund (14) 

Von Janos Nibor (Lenwë Eledhwen), übertragen von Nose Mann, bebildert von Roko Johin

Kapitel 14 – Der Weg zum Berg

6. Februar 1907: Kein Albtraum. Aber seltsam, mystisch, beängstigend. Bilder, wie damals in den zwei Nächten, verschwommen, dunkel und unklar.  Die kleine Insel auf dem See, da bin ich fast sicher, dann eine Höhle, Grotte, kaum erkennbar, womöglich auch etwas ganz anderes, fremdartiges. Zuletzt eine Art Schiff, ein Boot, klein – oder nur ein Stamm, eine Wurzel mit kahlem Geäst? Mehr nicht. Alles wie aus hundert Augen gesehen, oder sich schnell bewegend, ein buntes Gewirr aus Farben, Formen und Licht, so rasch verblassend, wie die Röte einer jungen Frau nach dem ersten Kuss, viel zu schnell, flüchtig.

„Die geistige Beschränktheit der Menschen“, so schrieb einst ein großer Elfenphilosoph, “ist schon daran zu erkennen, dass sie Tiere einfach nach ihren Lauten benennen.“ Wohl auch darum hieß der riesige rote Vogel, der den Berg Inik bewachte, einfach nur Graa. Claudius und Amroth standen wieder auf dem kleinen Marktplatz des Schaumama-Dorfes, um sie herum drängten sich dessen Bewohner. Allen voran der kleine, rundliche Mann welcher auf den Namen Eddi hörte, seines Zeichens wohl Oberhaupt der Gemeinde. „Seids ihr narrisch g’worn, asua fröih dou ummanana zum hänga? Da Graa flöigt imma scho vuurm öiaschtn Sunnastrohl, dös woass ma doch!“

Natürlich wussten die beiden Reisenden das nicht, genau so wie sie ein solches Tier noch niemals gesehen hatten. Doch die Dörfler hatten zu Recht eine Heidenangst davor. ”Öiascht vorige Wochn hout dös bläide Vöich an oidn Sepp gholt! Mir ham g’hofft dossa nocha dastickt an eam!“  Dann besann sich Eddi seines ursprünglichen Anliegens. „Oba sagts amoi, wos woitzn hia ieberhaaapt? Mir ham eich niat eigloon, oda?“ Claudius verstand zwar nicht alles davon, aber es genügte um eine Antwort zu geben „Wir sind unterwegs zu dem Berg dort, an dessen Flanke vor einiger Zeit ein feuriger Himmelsstein zerschellte. Darum bitten wir um Erlaubnis…“
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„Sacklzement!“ fuhr ihn Eddi halb brüllend, halb lachend an, „ihr wollts affan Inik affi? Aaf unnan heiligen Berg? Ihr möisst spinna!” Er wedelte mit den Armen wild um sich. „Ihr saads no varickter wöi da Spreissl Ludwig dortn, der ollawail soggt, irchadwenn a riesigs Schloss dou affi zum baua!“ Mit seinem ausgestreckten Wurstfinger zeigte er auf einen hageren, aber entschlossen wirkenden jungen Mann mit eigenartiger Frisur. „Und wenn mir eich göi louatn, nocha daad da Graa…“

“Wir werden den Vogel töten“ sagte Claudius kühl, „dafür gewährt ihr uns Zutritt zum Berg und die Erlaubnis, dass wir den Stein mit nach Felagund nehmen dürfen“. Stille. Eddi schien angestrengt nachzudenken, wechselte dabei öfter die Gesichtsfarbe und fragende Blicke mit den anderen Dörflern. Nach einer Weile sagte er hämisch grinsend. „Mir san im G’schäfft. O’gmacht! Ihr rupft döi blöida Henna, und nocha derffst asua vui Stroana vum Berg obi trong wöia mogts, hahaha“. Laut lachend reichte er dem Schmied die rundliche Hand, um das zu besiegeln.

Später, als sich die beiden Elfen von der Gruppe entfernten, um ihren Weg zum Berg anzutreten, konnte Amroth den Dorfvorsteher sagen hören: “Sollns doch göi. Mir ham nix zum valian. Wenns dan Graa rupfm is reeecht, wenn as frisst, dastickta an eana und dös is a reecht.“ Darauf wieder schallendes Gelächter, dann wurde es ruhig.

Nach zwei Stunden Fußmarsch waren sie am Berg angelangt, der sich von hier aus noch erheblich steiler in den Himmel zu erheben schien. Vom Riesenvogel aber keine Spur, dafür erkannten sie nun deutlich, an welcher Stelle der Asteroid in das Felsmassiv eingeschlagen hatte. Wie eine riesige, klaffende Wunde zog sich der Krater bis tief in den Berg.

Einige Zeit später erreichten sie dessen Rand. Der Aufstieg war beschwerlich gewesen und kostete zusätzliche Kraft, da sie immer auf der Hut vor dem Vogel sein mussten, stets Deckung suchten in der kargen Felslandschaft. Nun konnten sie auch die Bergausläufer westlich von ihnen überblicken. Dahinter erstreckte sich das majestätische, weiße Land, welches Gibris in den alten Erzählungen beschrieben hatte. Dort stand tatsächlich, auf der höchsten Spitze des Bergmassivs, ein kleiner, leuchtender Palast, ganz aus Kristall. Zu ihren Füßen aber lag nun ein immer enger werdender Krater, der letztendich in eine Art Höhle mündete. Aus dieser schimmerte seltsames, grünlichblaues Licht, ganz schwach aber nicht minder geheimnisvoll. So waren sie, wie magisch angezogen davon, schon zur Hälfte in der Höhle verschwunden, als sie hinter sich Schritte hörten. Schwere Schritte, eher ein Scharren als ein gehen. Als sie sich umsahen, hatte der Graa sich schon bis auf wenige Meter an sie heran geschlichen. Jetzt schrie das Tier aus Leibeskräften und setzte zum Sprung an. Erschrocken brüllte Amroth: „Nach vorn, weiter in die Höhle, schnell!“ Er rannte los und riss Cornelius mit sich. Sie rannten um ihr Leben, so schnell das sie nicht bemerkten, wie das Ende des Ganges in eine Schlucht mündete.

Dann stürzten sie, scheinbar endlos tief, in den Berg hinein.

Quelle: {quelle}  |  von Case am Nachmittag  0x Senf , 712x besichtigt |   aus: Geschichten aus Finis Terrae   |   Permalink  | Liebe Redaktion...



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